Burkhard Bader
Burkhard Bader sucht die Herausforderung
Der Landwirt und Catamaran-Bauer unterwegs auf kurvenreichem Lebenswege
Roßlau - "Hier sind die Schlafräume, hier wird die Küche eingebaut, hier die Dusche..." Burkhard Bader führt 65 Quadratmeter Wohnfläche vor. Sein Haus allerdings wird zu Wasser gelassen, wenn es fertig ist. "Catamarane" steht auf dem Schild an der Werkhalle im Roßlauer Industriehafen. Drinnen entstehen zwei Prototypen für Hausboote. Sind die erst einmal fertig, ist sich der Bootsbauer sicher, wird auch das Interesse bei der Kundschaft wach.
In regelmäßigen Abständen bekommt Burkhard Bader Besuch aus Celle. Der Kunde hatte ihm einst ein Holzmodell mitgebracht und den Auftrag: "Solch ein Boot möchte ich haben."
Es ist das erste Hausboot, das in der Bader-Werkstatt entsteht. Doch Neuland zu betreten, ist dem Burkhard Bader Zeitlebens Reiz und Herausforderung: zu Lande, zu Wasser - von der Luft ist noch nicht die Rede während der Unterhaltung im Büro.
Man kann es auch "Baracke" nennen, unter derem Dach der Bootsbauer seinen Schreibtisch mit Laptop drauf und das Regal mit Aktenordnern und Kaffeemaschine drin untergebracht hat. Bader hält nicht viel von äußerer "Repräsentationspflicht". Seinen Namen reichen sich Segler in aller Welt gegenseitig weiter. Von Mund zu Mund, bevor es Internet gab. Burkhard Bader war der erste Catamaran-Bauer in Deutschland.
Klar, sagt er, habe er sich wirtschaftlichen Aufschwung erhofft, als 1989 die Mauer fiel und dann auch den Seglern aus der DDR die Welt offen stand. Doch galten seine ersten Gedanken nicht dem Geschäft, sondern den Schätzen, die Historie und Kunst im jetzt so nahen Osten zu bieten haben. Er erzählt von seinem Besuch der Dresdener Kunstsammlung.
Einem wie ihm fiel es nicht allzu schwer, seinen Wohnort von Kiel nach Roßlau zu verlegen, "Neuland" im geeinten Deutschland zu betreten. Weil er bereit ist, mehr als nur einen Schritt vor die Haustür zu gehen, wenn ihm der Sinn nach neuen Eindrücken steht, nach Erlebnissen. Und wenn man sich in seine Arbeit stürzen will, sagt er nur halb im Scherz, sei es in Roßlau vom Vorteil, dass einen nichts von diesem Vorhaben ablenken könnte.
Sich in die Arbeit stürzen: Ein Großauftrag ließ ihn diesen Standort im Industriehafen Roßlau wählen. "Groß" im wahrsten Sinne. 16 Meter lang und neun Meter breit sollte der Catamaran sein. Zu groß für seine Werkhalle in Kiel.
Genau zehn Jahre ist Baders Gespräch mit dem Geschäftsführer des Roßlauer Industriehafens her. Und er kann sich sehr gut daran erinnern. Weil es so kurz war. Innerhalb von 15 Minuten führte Burkhard Bader sein Leben in ein neues Fahrwasser.
Allerdings nicht ohne eine gewisse Übung im Manövrieren durch Lebenswege, die - so ist es aus seinen Erzählungen herauszuhören - recht kurvenreich verliefen, ihn immer wieder auf neue Felder führten. Ein Bild, das nicht treffender sein kann für jemanden aus dem hohen Norden, der sich fürs Studium der Landwirtschaft entschied. Aus jugendlicher Opposition heraus gegen das Beamtenwesen - auch das des Vaters, des Juristen ganz oben auf der Karriereleiter.
Die Chancen, sein Feld zu bestellen, standen für den diplomierten Landwirten und Betriebswirtschaftler allerdings schlecht ohne ein eigenes Stück Land. Als erstes "Neuland" lag in einer Kurve seines Lebensweges eine ABM. "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen", sagt Burkhard Bader, "waren Mitte der 70er Jahre etwas ganz Neues in der Bundesrepublik." Neu war auch das in Kiel geschaffene Landesamt für Naturschutz und Landschaftspflege. Ein Amt für "däumchendrehende Akademiker", in dem der junge Absolvent eine Erfahrung machte, die er bis heute nicht revidieren konnte: "Geld, das durch staatliche Hände geht, ist verloren."
Ihm selber derweil ging es damals nach Studium und ABM in erster Linie um Geld in den eigenen Händen. Etwa im 23. Lebensjahr wechselte der Lebensweg von Burkhard Bader das Element und verlief weiter auf griechischen Wasserstraßen. Über die geleitete er deutsche Touristen - als Skipper. Dass ihn dieser Weg in die Zeit der Weltumseglungen hineinführte, nennt er Zufall. "Ende der 70er Jahre", sagt er, "war es nichts Besonderes mehr, nach Nepal zu gehen." Der junge Mann wollte das Abenteuer. Und wollte es nicht auf einem ausgelatschten Trampelpfad beschreiten. Wollte am liebsten der Wegbereiter sein für andere.
Darum entschloss sich Burkhard Bader, sein Boot für die Weltumseglung selber zu bauen. Er begab sich auf "Bildungsreisen" wie viele vor ihm, die als Entdecker, Eroberer, Gründer, Neuerer in die Geschichte eingingen.
Bader war der erste Deutsche, der einen Catamaran baute hier zu Lande. Hatte zu diesem Zweck englischen Konstrukteuren, Meistern ihres Faches, über die Schultern geschaut. 1986 dann ist er mit seinem eigenen Boot um Europa gesegelt.
Ein Turn, der ihn weiterbrachte auf dem Wege der Selbsterkenntnis, auf dem Weg zurück in die Werkhalle: "Ich bin nicht geschaffen für nächtliche Partys und zum Faulenzen am Sonnenstrand. Ich brauche die praktische Arbeit."
Seit er genügend hat davon - Bader baut Catamarane für Kunden in Deutschland und England, in Florida, in der Karibik und in Kroatien - segelt er selber nicht mehr. Auch, weil ein neues Feld alle Aufmerksamkeit und "Pflege" in Anspruch nimmt.
1990 war er in die FDP eingetreten, fühlte seinen Standpunkt bestätigt durch deren Gedanken, dass sich der Markt besser über Wettbewerb regeln ließe als über staatliche Wirtschaftsförderung. Zur Landtagswahl 2002 trat er für die FDP an im Altkreis Roßlau. Macht sich jetzt in der Fachgruppe Wirtschaft des Kreisverbandes Gedanken darüber, wo das Geld bleibt, wo die Steuern versickern, die die Wertschöpfenden der Stadt zahlen.
Er stellt Überlegungen an darüber, wie effektiv wohl bisher im öffentlichen Dienst gearbeitet wurde, wenn man hier den Arbeitstag so einfach kürzen kann, um Geld zu sparen in den nächsten Jahren.
"Geld, das durch staatliche Hände geht, ist verloren." Wie schon erwähnt: Diese Erkenntnis aus jungen Jahren nennt Bader bis heute gültig. Und er ist jetzt 52.
Und hat viele gesehen in seiner Branche, die sind pleite gegangen. "Haben sich übernommen", sagt er. Der erste Catamaran-Bauer Deutschlands hat seinen Betrieb immer klein gehalten. Um den Überblick zu wahren.
Für den Hersteller leichter Kunststoffboote ist es nur ein kurzer gedanklicher Weg zur Leichter-als-Luft-Technologie von CargoLifter. Ende vergangenen Jahres wurde die Insolvenz des Luftschiff-Entwicklers aus Brandenburg verkündet. Von 198 Gläubigern war damals in den Nachrichten die Rede, die hatten Forderungen von fast 76 Millionen Euro gestellt.
Bader lehnt sich zurück in seinem Stuhl im Baracken-Büro. In seinem Gesicht liegt Bedauern. Wohl darüber, dass nun eine Chance vertan ist, Neuland über den Wolken zu bestellen.
Und ein bisschen sieht es so aus, als würde es ihn reizen, seinem Lebensweg eine neue Kurve zu geben.